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Lorenz:
Gerade die Einsicht, daß der
Aggressionstrieb ein echter, primär arterhaltender Instinkt ist,
läßt uns seine volle Gefährlichkeit erkennen: Die
Spontanität des Instinktes ist es, die ihn so gefährlich macht.
Wäre er nur eine Reaktion auf bestimmte Außenbedingungen, was viele
Soziologen und Psychologen annahmen, dann wäre die Lage der Menschheit
nicht ganz so gefährlich, wie sie tatsächlich ist. Dann könnte
man grundsätzlich die reaktions-auslösenden Faktoren erforschen und
ausschalten.(S.55)
Biol.:
Der Triebbegriff hat besonders im Zusammenhang
mit dem Meinungsstreit über die menschliche Aggression zu schwerwiegenden
Mißverständnissen geführt und soll daher künftig vermieden
werden. Psychologen sehen in einem Trieb meistens ein spontanes, inneres
Bedürfnis, unter dessen Zwang der Mensch, unbeeinflußbar durch
Außenbedingungen, handelt. Da die Aggressivität durch Lernen
beeinflußt wird, lehnen sie das Triebkonzept ab. Aus ethologischer Sicht
bedeutet der Triebbegriff dagegen, daß die einem Verhalten
zugrundeliegende Handlungsbereitschaft ständigen Veränderungen
unterworfen ist, und zwar unter dem Einfluß endogener und exogener
Ursachen. Wenn auch einerseits die spontane, d. h. die von exogenen Faktoren
unabhängige, Komponente besonders betont wird, so wird doch andererseits
auch anerkannt, daß aggressive Handlungsbereitschaften durch Lernen
modifiziert werden können. (wörtlich aus L8,S.22)
Der Begriff Trieb wird in diesem Zusammenhang
auch synonym zu Motivation oder Handlungsbereitschaft
verwendet.
Human. Psy.:
Auch unter Ausklammerung einer "harten"
Triebdefinition scheint das biologische Aggressions-Konzept immer noch auf einem
maßgeblichen Anteil physiologischer Aggressionsdisposition zu beruhen.
Bezüglich Lorenz´ Einwand der angeblich
unerforschlichen reaktions-auslösenden Faktoren ist zu sagen, daß
solche Faktoren durchaus zu benennen sind. Das amerikanische Autorenteam
Dollard, Dolb, Miller, Mowrer, Sears, Ford, Hovland, Sollenberger weisen auf die
mögliche Hauptursache menschlicher Aggression hin: die andauernde
Frustration von kindlichen Bedürfnissen.
Kogni.:
Im Rahmen dieser Diskussion werden wir keine
Gliederung aller Verhaltensphänomene, die mit Aggression bezeichnet werden
aufstellen können. Nur auf diese Weise könnten wir aber die
unterschiedlichen Ursachen der jeweiligen Phänomene untersuchen. Es mag
aggressives Verhalten geben, das auf Frustration zurückzuführen ist,
aber als Universalursache erscheint dieses Konzept als untauglich (siehe auch
Werbik 1974).
In der Öffentlichkeit ist die
Frustrations-Aggressions-Theorie als einfache Theorie populär geblieben.
Ein unerkannter Taschenspielertrick trägt entscheidend dazu bei: Die
Theorie hat ursprünglich ein Kurzzeitmodell geliefert, d.h. auf eine
Frustration folgt sofort eine Aggressionsneigung. Unbemerkt wird sie aber erst
als Langzeitmodell besonders relevant: eine gegenwärtige Aggression wird
mit lange zurückliegender, exakt nicht mehr nachprüfbarer
Triebunterdrückung o.ä. begründet. An die Stelle der
Frustrations-Aggressionstheorie trat eine Frustrations-Ärger / Wut bzw.
eine Frustrationsantriebstheorie. Ob diese höhere Erregung als Ärger /
Wut oder als anderer Affekt (z.B.Angst) erlebt wird, ist prinzipiell
offen.(wörtlich aus L1)
Human. Psy.
Das Kinder, die die Regeln für das
Zusammenleben mit einem Minimum an Versagung lernen, nicht zu aggressivem
Verhalten neigen, läßt sich auch im Kulturvergleich
bestätigen.
Anthropologische Studien haben gezeigt, daß
das Gerede von der natürlichen Aggression des Menschen ein Mythos ist, der
die Ursache von Sadismus und Zerstörungswut nicht erklären kann.
Kulturanthropologen haben nämlich Gesellschaften aufgespürt
(grönländische Eskimos), in denen die Menschen praktisch
aggressionslos zusammenleben.(Absatz wörtlich aus L6)
Ähnliche Hinweise finden wir bei H. Helmuth
("Zum Verhalten des Menschen",1967), der auf die Aggressionslosigkeit von
Eskimos, Zuni-Indianern, die Arapesch aus Neuguinea und anderen Kulturen
hinweist.
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